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           Hl. Armenische Apostolische Orthodoxe Kirche

           Apostolische Zeit und Christianisierung Armeniens

 

Unser Herr und Erlöser Jesus Christus beauftragte seine Jünger am Tage seiner Himmelfahrt mit den Worten: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Mt 28, 19)

 

Zehn Tage nach der Himmelfahrt kam der Hl. Geist auf die Apostel nieder und durch ihn erfüllt gingen die Apostel in alle Welt und predigten das Evangelium des Herrn. (Siehe Mk 26, 20)

 

So kamen die Apostel Bartholomäus und Thaddäus in den Jahren 50-60 als Prediger nach Armenien, verkündigten das Evangelium und gründeten dort somit die Kirche Christi. Da aber der christliche Glaube der Verfolgung ausgesetzt wer, starben beide Apostel den Märtyrertod. Aus dieser Zeit existieren leider keine direkten und zeitgenössischen schriftlichen Quellen. Alles, was über die Missionstätigkeit der beiden Apostel bekannt ist, stammt aus späteren Aufzeichnungen. Den Aposteln Bartholomäus und Thaddäus gab die Armenische Kirche die Bezeichnung „Die ersten Erleuchter der Armenier“ und auf ihr Wirken bezieht sich ihre offizielle Selbstbezeichnung als der „Heiligen Armenischen Apostolischen Orthodoxen Kirche“.

 

Eine weitere sehr wichtige Rolle für die Christianisierung Armeniens spielte Hl. Gregor[1] der Parther. Er kam als christlicher Missionar nach Armenien, stieß jedoch hierbei auf den entschiedenen Widerstand des armenischen Königs Tridates III. (arm. Trdat), der von 283-294 und von 298-330 regierte. Der Überlieferung nach wurde Hl. Gregor wegen seiner Missionstätigkeit und Gehorsamsverweigerung dem König gegenüber bezüglich Anbetung der Göttin Anahid zwei Jahre lang gefoltert und anschließend durch den Befehl des Königs in die „Tiefe Grube“ (arm. Khor Wirap) bei Ardaschad verbannt. Dort sollte er den Rest seines Lebens verbringen.

 

In dieser Zeit kamen aus Rom geflohene Nonnen unter der Führung der Hl. Kayane nach Armenien. Als die Nonne Hripsime unter ihnen den Heiratsantrag des Königs aufgrund ihres Gelübdes ablehnte, zog sie den Zorn des heidnischen Königs auf sich und alle 40 Nonnen wurden hingerichtet. Die Überlieferung sagt, dass der König daraufhin schwer erkrankte. Der Schwester des Königs, Khosrowitught, wurde im Traum offenbart, dass nur der nun seit 13 Jahren eingekerkerte Gregor den König von dieser Krankheit heilen könne. Daraufhin wurde Gregor aus der Tiefen Grube befreit und in die Hauptstadt Armeniens, Wagharschapat, gebracht. Dies geschah im Jahre 301.

 

Hl. Gregor ordnete eine fünftägige Fastenzeit[2] an und heilte durch seine Gebete den König von seiner Krankheit. Er predigte sechzig Tage lang das Evangelium dem König und dem Volk. Der König ließ sich und sein Gefolge vom Hl. Gregor taufen und proklamierte das Christentum zur Staatsreligion Armeniens. Die Armenier sind daher das Volk mit der ältesten Staatskirche der Welt. Hl. Gregor wird aufgrund seines Wirkens zur Christianisierung Armeniens als „Hl. Gregor der Erleuchter“[3] genannt.

 

Hl. Gregor, der der erste Katholikos, d. h. geistliches Oberhaupt der Armenischen Kirche wurde, soll in einer visionären Ahnung von Christus selbst den Auftrag erhalten haben, in Wagharschapat, heute Etschmiadzin, eine Kirche zu errichten. An dieser Stelle wurde die Mutterkirche Armeniens „St. Etschmiadzin“[4]  errichtet. Seit der Einrichtung eines Katholikats im Jahre 1439 bildet dieser Ort bis zum heutigen Tah das spirituelle Zentrum der armenischen apostolischen Kirche.

 

Das Amt des Oberhauptes der Armenischen Kirche wurde anfänglich – und in Adoption der Feudalstruktur des armenischen Staatswesens- in der Familie Gregors vererbt, d. h. die armenische Kirchenleitung wurde anfänglich mit verheirateten Männern besetzt. Diese Praxis änderte sich späterhin jedoch, und so gilt heute das genaue Gegenteil: Alle Priester, die das Amt des Katholikos und andere Ämter des höheren Klerus –wie das Bischofsamt- bekleiden, unterliegen den Regeln des Zölibats.

 

Noch zu Anfang des 4. Jahrhunderts standen in Armenien die urartäische Keilschrift bzw. die syrische, griechische oder persische Schrift in Gebrauch. Im Jahre 387 wurde Armenien zwischen dem Römischen Reich und dem Perserreich aufgeteilt. Als Folge der Teilung war das armenische Volk unverkennbar Ansätzen zu einer kulturellen Vergewaltigung insbesondere durch die persische Herrschaft ausgesetzt. Zunehmend sah es die armenische Kirche als ihre Aufgabe an, die Einheit des armenischen Volkes und die Eigenständigkeit seiner Kultur zu bewahren –und d.h., sich als armenische Nationalkirche zu begreifen. Als ein wesentliches Mittel, dies zunächst zu gewährleisten und darüber hinaus ein Instrument für die nachdrückliche Verbreitung des Christentums in Armenien zu besitzen, muss die Einführung eines eigenen armenischen Alphabets gewertet werden, deren Initiative unmittelbar auf die Kirchenleitung zurückgeht.

 

Die Schaffung dieses eigenständigen armenischen Alphabets verdankt sich dem Mönch und späteren Bischof Mesrop Maschdotz (361-440). Nach Einführung des armenischen Alphabets in den Jahren 403-406 wurden neben der Heiligen Schrift (406-436) bald auch die wichtigsten klassischen Werke der Kirchenväter ins Armenische übersetzt. Ebenso entstand langsam eine eigene armenische Nationalliteratur. Das armenische Volk vermochte nunmehr, seinen übermächtigen Nachbarn und Okkupanten eine selbständige schriftliche Kultur entgegenzusetzen.

 

Im Jahre 451 fand in Chalcedon (Kalkedon) das 4. Ökumenische Konzil statt. Die politische Lage in Armenien war zu dieser Zeit äußerst angespannt. Der Sassanidenkönig Yazkert II. (438-457) bedrängte das armenische Volk, sich zum Mazdaismus zu bekehren, und somit zusätzlich zu seinen politischen Pressionen auch auf religiösem Gebiet Herrschaft über Armenien zu gewinnen. Der Konflikt mündete im Jahre 451 in kriegerische Auseinandersetzungen in deren Verlauf Armenien unter dem Feldherren Vartan Mamigonian (370-451) den militärischen Kampf gegen die Perser auf dem Schlachtfeld von Awarair zwar verlor; das armenische Volk ließ sich gleichwohl auch nicht mit Gewaltmitteln dazu zwingen, seinem christlichen Glauben abzuschwören. Hauptsächlich dieser politisch-militärischen und religiösen Bedrängnis wegen sah sich die armenische Kirche nicht dazu in der Lage, eigene Delegierte für das 4. Ökumenische Konzil zu entsenden. Zwar war die armenische Kirche bereits beim 1. Ökumenischen Konzil in Nikäa (325) durch einen Sohn Gregors vertreten, und wenn sie unterdessen bei den darauffolgenden Konzilien von Konstantinopel (381) und Ephesus (431) selbst nicht mit eigenen Gesandten beteiligt war, so nahm sie dennoch im Anschluss deren jeweilige Beschlüsse stets an. Die theologische Auseinandersetzung mit den Beschlüssen des kalkedonischen Konzils durch die armenische Kirche freilich konnte erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung stattfinden, und dessen Entscheidungen wurden Jahrzehnte später von Mehreren armenischen Nationalsynoden (502, 538 und 551-552) zurückgewiesen.

 

Da in Kalkedon die Behauptung der zwei Naturen Christi, die menschliche und die göttliche, zum Dogma erhoben wurde, wird die armenische Kirche –fälschlicherweise- mitunter heute noch als eine monophysitische Kirche Bezeichnet, d. h. als eine Kirche, die Christus nur eine Natur –nämlich entweder die Menschliche oder die göttliche- beierkennt. Die armenische Kirche wird mit diesem Urteil jener Gruppe von Kirchen zugeordnet, die aus theologischen Gründen nicht dazu bereit waren, die Beschlüsse von Kalkedon anzuerkennen und zu übernehmen. Diese Ansicht wird indessen dem Bekenntnisstand der armenischen Kirche nicht gerecht. Die Armenische Kirche bekennt sich im Anschluss an die ersten drei ökumenischen Konzilien zu Christus, in dem sich die göttliche und die menschliche Natur vereinigt haben.

 

Einen weiteren Schritt in Richtung auf wachsende kulturelle Eigenständigkeit der armenischen Kirche gegenüber ihrer nicht-christlichen Umwelt markiert die Einführung eines eigenen kirchlichen Kalenders im Jahre 551.

 

Einen tiefen Einschnitt in seiner Geschichte erlebte Armenien im 7. Jahrhundert durch die Entstehung des Islams, bei dessen rascher Ausbreitung im vorderen Orient arabische Stämme bald auch nach Armenien eindrangen. Einer drückenden steuerlichen Belastung und auch unmittelbar religiöser Verfolgung ausgesetzt, konnte sich das armenische Volk dennoch jahrhundertelang unter der arabischen Herrschaft behaupten, und es vermochten sich sogar immer wieder einige mehr oder weniger selbständige armenische Herrscherhäuser zu etablieren –so z. B. die Bagratiden-Dynastie (885-1042) oder Lokalkönigtümer wie das des Gagig Arzrunis in Vaspurakan-. Von Osten her drangen im 11. Jahrhundert die Seldschuken nach Armenien ein und überfielen u. a. seine berühmte Hauptstadt Ani. Mitte des 11. Jahrhunderts wurde das armenische Volk aus seinem Stammland vertrieben und wanderte nach Kilikien aus. In das kilikische Armenien wurde auch der Sitz des Katholikos verlegt, welcher hier bis zum Jahre 1439 verblieb. Im kilikischen Königreich (11.-13. Jahrhundert) ergaben sich ferner intensivere Berührungen der armenischen Kirche mit der lateinischen Kirche, von welcher sich die armenische Nationalkirche Unterstützung in ihrer oft schwierigen Lage im Schnittpunkt konkurrierender Einflusssphären erhoffte. Die römische Kirche hingegen verfolgte die Absicht, die armenische Kirche dogmatisch und institutionell zu dominieren, und als Rektion auf die Union von Teilen der armenischen Kirche mit Rom und als Folge des Unterganges des kilikischen Königreiches wurde das kilikische Katholikat 1439 von orthodoxen Armeniern nach St. Etschmiadzin zurückverlegt. Bis zum Beginn der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts verblieben jedoch noch einzelne armenische Bevölkerungsgruppen in Kilikien, deren seelsorgerische Betreuung dem Sis ansässig gebliebenen Katholikat oblag.

 

Bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist in Jerusalem ein armenisches Patriarchat gegründet worden, das vor allem für die Betreuung armenischer Pilger und für die Pflege der heiligen Stätten zuständig war. Im Jahre 143 fiel die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, Konstantinopel, unter türkisch-osmanische Herrschaft; dort wurde 1461 auf Anordnung des Sultans Mehmet des Eroberers ein weiteres armenisches Patriarchat gegründet. Somit besitzt die armenische Kirche seit dem Fall Konstantinopels vier geistliche Zentren.

 

Der geschichtliche Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts fügte dem armenischen Volk und seiner Kirche schwere Verluste zu. Zwar wurde nach der Aufteilung Ost-Armeniens zwischen den Persern und dem zaristischen Russland im östlichen Landesteil eine sog. Polojenie (1836) erlassen und für die im Osmanischen Reich lebenden, orthodoxen Armenier ebenfalls die Anerkennung als „Nation“ (Millet/1863) erreicht[5]; jedoch konnte all dies die Katastrophe des Genozids am armenischen Volk nicht verhindern, der in den Jahren 1915/16 unter dem jungtürkischen Regime Enver Paschas aus nationalistischen Motiven verübt wurde und dem durch Mord und brutale Deportationen (Todesmärsche) 1,5 Millionen Armenier zum Opfer vielen.

 

Personell fast ausgeblutet (Geistliche der Armenischen Kirche zählten zu den allerersten und bevorzugten Opfern der jungtürkischen Vernichtungsaktionen) kamen in der Zeit nach dem Ende des I. Weltkrieges weitreichende Folgen auch auf die Armenische Kirche zu. Zwar behielt sie alle ihre geistlichen Zentren bis auf das Katholikat von Sis (es wurde 1920 zunächst nach Syrien und dann von dort Anfang der 30er Jahre nach Antilias/Libanon verlegt), allein hatten die Patriarchate von St. Etschmiadzin und Konstantinopel in unzuträglichem Maße an Gemeinde verloren. Das Patriarchat von Konstantinopel blieb jahrelang vakant. Das Katholikat von St. Etschmiadzin sah sich dem Terror des Stalinismus ausgesetzt, in dessen Zusammenhang u. a. im Jahre 1938 das Oberhaupt der Armenischen Kirche, Horen Muradbekyan, an seinem Amtssitz durch das KGB ermordet wurde. Über die genannten vier geistlichen Zentren hinaus vollzieht sich das Leben der Armenischen Kirche in unserer Zeit im Wesentlichen auch in den in der ganzen Welt zerstreuten Diasporagemeinden.


 


[1] Arm. Krikor

[2] Dieses fünftägige Fasten erinnert an das fünftägige Fasten Adam und Evas nach ihrer Verbannung aus dem Paradies, um die Gnade Gottes zu erflehen. Diese Fastenzeit fand im Fastenkalender der Armenischen Kirche ihren festen Platz. Sie beginnt drei Wochen vor dem Beginn der Großen Fastenzeit vor Ostern.

[3] Arm. Krikor Lussaworitsch

[4] Etschmiadzin bedeutet „ Ort des herabgestiegenen Einziggeborenen“

[5] Als Millet anerkannt wurden im Osmanischen Reich auch die römisch-unierten und die protestantischen Armenier (1830 bzw. 1847)